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Vancouver, Kurzprogramm Herren: Um Haaresbreite

(c) David Carmichael

Er hat es wieder einmal geschafft: Im Matadorkostüm zauberte Evgeni Plushenko gestern im Pacific Coliseum zum „Concierto de Aranjuez“ eine astreine Kür aufs Eis. Er landete als einziger Starter im Feld einen sauberen 4fach-Toeloop, kombinierte ihn noch dazu mühelos mit einem 3fachToeloop, sprang einen bombastischen 3fach-Axel und gab sich auch bei den übrigen Elementen keine Blöße. Der Mann will eine zweite olypmische Goldmedaille gewinnen, daran lässt er keinen Zweifel: nach dem Ende seines Programms zog er ein imaginäres Schwert und küsste es.

Plushenkos Gestik ist Geschmackssache, auch seine Auffassung vom Herren-Eiskunstlaufen: „Without a quad it’s not men’s figure skating.“ Bei allem Wirbel, den es im Vorfeld um einseitige Konzentration auf Sprungelemente und Mängel des Neuen Wertungssystems gab, muss man trotzdem festhalten: Plushenko ist ein brillianter Sprungtechniker und hat eine enorme Präsenz auf dem Eis. Jeder hat eben seine Stärken.

Plushenko erhielt für sein Kurzprogramm 90,85 Punkte, nicht ganz die Rekordmarke der Europameisterschaften (91,30 Punkte). Trotz der gelungenen 4T-3T-Kombi ist sein Vorsprung aber nur hauchdünn. Evan Lysacek und Daisuke Takahashi folgen ihm dicht auf den Fersen, denn auch sie haben ihre Stärken: sie zeigten gestern blitzsaubere Elemente, fabelhafte Kanten und Schrittpassagen und unheimlich ausdrucksstarke Programme. Evan Lysacek kam mit einer ebenfalls astreinen Kür auf 90,30 Punkte, einen Hauch dahinter liegt Daisuke Takahashi mit seiner Tango-Interpretation (90,25 Punkte). Ich finde, die Preisrichter haben die Programmkomponenten fair genutzt und gut abgestuft. Plushenko erhielt in den Skating Skills beispielsweise 8,20 Punkte, in den Transitions aber nur 6,80 Punkte.

Die höchsten Programmkomponenten im Feld erhielt Stéphane Lambiel (8,50 für Skating Skills, 8,20 sogar für Transitions, für Interpretation gar 9,15), der aber beim 4Toeloop patzte und den Axel nur doppelt sprang und momentan mit 84,63 Punkten ganz knapp hinter Nobunari Oda (84,85 Punkte) auf Platz 5 liegt. Auf knapp über 80 Punkte kamen auch Johnny Weir (Platz 6) und die große kanadische Hoffnung Patrick Chan (Platz 7).

Stefan Lindemann liegt nach einem fehlerfreien Kurzprogramm auf Platz 17 – man sieht, die Leistungsdichte bei den Herren ist gewaltig. Einen Platz hinter ihm liegt allerdings ein Herr, der ganz und gar nicht fehlerfrei blieb. Brian Jouberts Nerven haben dem Franzosen einen kräftigen Strich durch seine Olympiaträume gemacht. Er patzte beim 4fach-Toeloop, konnte keine Kombi anhängen und stürzte dazu noch beim 3fach-Lutz. Mit 68 Punkten liegt er weit, weit abgeschlagen von den Medaillenrängen. Da wird ihn auch nicht trösten, dass es anderen ähnlich erging: Tomas Verner befindet sich nach verpatzten Sprungelementen noch einen Platz hinter Joubert.

Hier geht es zum Gesamtresultat des Kurzprogramms. Übermorgen fällt im Pacific Coliseum die Entscheidung – wie beim Paarlaufen wird es ein sehr, sehr spannender Kampf um den Titel werden. Kaffee sollte jedenfalls nicht vonnöten sein, um bei der nächtlichen live-Übertragung wachzubleiben.

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Verletzte und Unverletzte im deutschen Olympia-Kunstlauf-Team

Vom US-amerikanischen und kanadischen Olympia-Team wurde hier schon berichtet, aber wer startet im Pacific Coliseum eigentlich für Deutschland? Acht Läufer sind dabei, allerdings nur zwei davon in den Einzelkategorien.

(c) David Carmichael

Von dem Paar, dessen Namen sich Nicht-Eiskunstlauf-Fans immer noch nur schwer merken können, haben selbst diese inzwischen zumindest gehört. Aljona Savchenko und Robin Szolkowy sind klare Medaillen-Favoriten, wenn auch nicht mehr die unangefochtenen Goldkandidaten. Schade nur, dass von Savchenko und Szolkowy so wenig Sportliches und von ihrem Trainer Ingo Steuer so viel politischer und Verbandszwist in den Medien zu finden ist. Schade auch, dass Savchenko, Szolkowy und Steuer in Vancouver zunächst einmal durch Stillschweigen auffielen, als sie nach ihrem ersten Training nicht, wie nach IOC-Regel üblich, den Journalistenkorridor in der Mixed Zone passierten, sondern kommentarlos durch die Hintertür aus dem Pacific Coliseum verschwanden.

Der Druck ist offensichtlich groß, die Saison bislang trotz glanzvoller Höhepunkte (Traumkür bei Skate Canada) nicht eben optimal verlaufen. Nachdem Savchenko vor den Europameisterschaften mit einem grippalen Infekt zu kämpfen hatte, gibt es jetzt erneut Probleme: Gestern hat sich Szolkowy beim Mittagstraining eine Schnittwunde an der Hand zugezogen, zum Abendtraining kehrten die beiden Sportler nicht aufs Eis zurück. Irgendwie scheint der Wurm drin zu sein. Unter diesen Bedingungen wird es ein harter Kampf, wenn die beiden sich gegen die chinesischen Top-Teams Shen/Zhao und Pang/Tong durchsetzen wollen.

Das zweite deutsche Paar am Start, Maylin Hausch und Daniel Wende, trainiert von Karel Fajfr, geht der Sache gelassener und bislang ohne Unfälle entgegen. Sie sind das erste Mal bei Olympia am Start, eine Top-Platzierung ist nicht in Reichweite ihrer Möglichkeiten, und so können sie die Spiele vielleicht sogar ein wenig genießen.

(c) David Carmichael

Für die Herren ist Stefan Lindemann am Start, der nach langer Verletzungspause wieder auf dem Wettkampf-Eis steht. Der Erfurter war bereits bei den Spielen in Turin 2006 dabei, damals 21.. Sein größter sportlicher Erfolg war die Bronzemedaille bei der WM 2004 in Dortmund (mit einer prächtigen 4T-3T-Kombi). Bei der EM in Tallinn im Januar wurde er mit einem soliden Auftritt 9. Was diesmal wohl drin ist? Abwarten. Lindemann ist, wie er auf seiner Homepage berichtet, jedenfalls fit in Vancouver eingetroffen.

Foto: AFP

Die erst 16jährige Sarah Hecken vertritt die deutschen Damen. Für sie geht es wohl vor allem darum, Olympia-Luft zu schnuppern und Wettkampferfahrungen zu sammeln. Bei der EM im Januar belegte sie in einem insgesamt eher schwachen Damenwettbewerb Platz 16. Anschließend kam ihre Hand in Gips – Bänderdehnung beim Sturz in der Kür. Nächste Woche heißt es für sie trotzdem: Auf nach Vancouver.

Im Eistanzen starten die Geschwister Christina und William Beier. Bei den Europameisterschaften kamen sie auf den 15. Platz – auch hier geht es also vor allem ums Dabeisein.

Einen Blick ins Pacific Coliseum in Vancouver kann man auf den Seiten von nbcolympics.com werfen. Noch sind die Stühle der Preisrichter leer… aber nicht mehr lange…

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EM: Kür der Herren

Ein lässiger Auftakt mit einer 4fach-3fach-Toeloop-Kombi, und dann jagt ein blitzsauberer Dreifachsprung den nächsten: Evgeni Plushenko scheint unschlagbar zu sein. Kühl und souverän gewann er gestern Abend zu Edvin Martons „Tango Amore“ die Kür der Herren mit 164,09 Punkten und einer Gesamtpunktzahl von 255,39 Punkten. Er gestattete sich nur einen kleinen Fehler, als er den Lutz nur doppelt sprang.

Brian Joubert, der bereits im Einlaufen reichlich angespannt wirkte und auch in seinem Kürvortrag ungewohnt Nerven zeigte, muss der Abend wie ein böses Déjà-vu vorgekommen sein: Bereits 2006 stand er bei der EM hinter Plushenko auf dem Treppchen, und wie 2006 zog auch noch der Schweizer Stéphane Lambiel mit einer starken Kürleistung an ihm vorbei. Lambiel zeigte zwei Vierfache, beim ersten Toeloop musste er die Landung mit der Hand abfangen, doch der zweite gelang sauber und in Kombination mit dem Doppel-Toeloop.

Leider, leider hat Lambiel Probleme mit dem 3fach-Axel, der in der Kür fehlte. Einige Landungen waren unsauber, und zu allem Überfluss ging der Schweizer in der Serpentinschrittfolge zu Boden. Trotzdem kam er auf 160,79 Punkte in der Kür und damit dicht an Plushenko heran. Mit einem fehlerfreien Vortrag hätte er den Russen überholen können, denn künstlerisch ist Lambiel Plushenko deutlich überlegen. Plushenko zeigt zwar mit einer beeindruckenden Sicherheit einen sauberen Sprung nach dem anderen, doch er läuft eher schnelle als kantentiefe Schrittpassagen und tut in puncto Choreographie und Transitions wenig mehr, als einmal die Hüften zu schwingen und ein anderes Mal eine Tango-Armhaltung nachzuahmen. Lambiel dagegen interpretiert die Musik, und die neue Kür zu „La Traviata“ scheint ihm wie auf den Leib geschneidert.

Brian Joubert erhielt nach einer von einigen Wacklern bei den Sprungelementen durchzogenen Kür 147,90 Punkte und kam mit insgesamt 236,45 Punkten auf den dritten Platz.

Den undankbaren vierten Rang belegte Michal Brezina, Samuel Contesti konnte sich auf Platz 5 vorarbeiten, Yannick Ponsero hielt wieder einmal dem Druck nicht stand und fiel nach einigen Patzern auf Platz 6 zurück.

Stefan Lindemann kann nach der langen Wettkampfpause mit seiner Leistung zufrieden sein. Nach einer guten Kür erreichte er Platz 9. Er versuchte den 4fach-Toeloop, riss ihn aber zu einem Doppelsprung auf. Immerhin hat die deutsche Eislaufunion nun im nächsten Jahr wieder zwei Startplätze bei der EM zu vergeben.

Positiv überrascht hat mich der Spanier Javier Fernandez, der mit dem Fluch der Karibik zwar zu einem alten Hut lief, aber ein sehr schwungvolles und fast fehlerfreies Programm zeigte und sich sichtlich über seine Leistung freute. Besonders schön: der „trunkene“ Kreisschritt. Fernandez erhielt die sechstbeste Kürwertung und kam insgesamt auf Platz 8.

Hier ist das Ergebnis der Kür und hier das Gesamtergebnis des Herren-Wettkampfs zu finden.

Und hier ist die „Hangcock“-Kür von Stefan Lindemann, die im deutschen Fernsehen leider nicht zu sehen war:

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EM: Kurzprogramm Herren

Ups? Ist da etwa jemand überrascht? Haben nicht alle damit gerechnet?

Der Stand nach dem Kurzprogramm der Herren: Plushenko führt mit einer neuen Rekord-Wertung von 91,30 Punkten. Um ehrlich zu sein, Wunder habe ich nicht auf dem Eis gesehen, aber zugegebenermaßen ein technisch blitzsauberes Programm. Plushenko war, soweit ich es sehe, der einzige Läufer im Feld, der sauber die 4Toeloop-3Toeloop-Kombi landete. Alle anderen Läufer können ihre Hoffnungen auf den EM-Titel wohl schon mal begraben, mit Ausnahme von Joubert, der mit 88,55 Punkten noch in Reichweite zu Plushenko liegt. Joubert landete nur eine 4T-2T-Kombi, erhielt aber höhere Programmkomponenten als sein russischer Konkurrent.

Die folgenden Läufer waren im Vorfeld schwerer einzuschätzen. Auf Rang 3 liegt Jouberts Landsmann Ponsero, der einen guten Tag erwischte und ebenfalls die Vierfach-Toeloop-Doppel-Toeloop-Kombi stand. Er erhielt 82,40 Punkte. Stéphane Lambiel, der nach seinem Comeback den ersten großen Wettkampf lief, zeigte Nerven und liegt mit 77,75 Punkten auf Platz 5. Tomas Verner zeigte noch mehr Nerven und liegt mit 72,75 Punkten auf dem achten Platz. Stefan Lindemann liegt nach dem Kurzprogramm auf Platz 9 – hätte er eine spätere Startnummer gehabt, wäre vielleicht noch ein wenig mehr drin gewesen, denn nach der guten alten Regel der B-Note steigen auch die Programmkomponenten des Neuen Wertungssystems relativ regelmäßig zur Höhe der Startnummer an. Aber sei’s drum, morgen kommt die Kür.

Hier das gesamte Ergebnis des Kurzprogramms.

Und hier das Siegerprogramm mit der Rekordwertung:

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EM: Kurzprogramm Lindemann

Nachdem gestern abend das deutsche Paar Savchenko/Szolkowy einen fehlerfreien Vortrag zeigte und, wenn auch nur um Haaresbreite, mit 74,12 Punkten vor den Russen Kavaguti/Smirnov und Mukhortova/Trankov in Führung liegt, legt jetzt Stefan Lindemann nach: Soeben zeigte er ein schönes Kurzprogramm und liegt momentan mit 70,20 Punkten in Führung. (Mit einer ähnlichen Punktzahl wurde Tomas Verner im Grand Prix Finale Sechster.) Es kommen noch vier Einlaufgruppen, in denen die Favoriten starten werden, aber eine gute Platzierung hat Lindemann sich mit dem Kurzprogramm vermutlich gesichert. Auf jeden Fall kann er mit seiner Leistung zufrieden sein, und ich freue mich, dass er wieder dabei ist!

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