Verlieren ist auch eine Kunst

Und da ist sie, die Diskussion nach der Olympia-Entscheidung im Herren-Eiskunstlauf: Ist der richtige Sieger gekürt worden? Darf man ohne Vierfachen Olympiasieger werden? Geht die Entwicklung des Eiskunstlaufens in die falsche Richtung, muss gar das Wertungssystem (wieder einmal) verändert werden? Ein guter Verlierer zu sein, ist auch eine Kunst, und in dieser Disziplin hätte Plushenko jedenfalls keine Medaille verdient.

Sobald Evan Lysacek als Olympiasieger feststand, war klar, dass eine Diskussion folgen würde. Daran ist nichts auszusetzen. Aber die Art, in der die Diskussion nun geführt wird, erscheint mir doch reichlich unsportlich. Schon bei der Siegerehrung gebärdete Plushenko sich als schlechter Verlierer, indem er auf dem Podium den Nr.1-Daumen zeigte und deutlich demonstrierte, wen er für den eigentlichen Sieger hielt. Kaum war die Siegerehrung vorbei, begann Plushenko, kräftig die Medientrommel zu rühren. Um eines klarzustellen: Ich bin kein spezieller Lysacek-Fan, meine Lieblingsküren haben Daisuke Takahashi und Stéphane Lambiel gelaufen. Aber was mich nervt, ist der machistische und homophobe Ton, der die Debatte von Seiten der Russen durchzieht. „Wahre Männer springen vierfach“, findet Plushenko, alles andere sei Dameneiskunstlaufen.

Die ARD lud den Silbermedaillengewinner prompt zum Interview ins Studio (hier zu sehen), Kati Witt erklärte sich zum Plushenko-Fan, dann wurde sogar noch Elvis Stojko aufgeboten, mehrfacher kanadischer Weltmeister, der ebenfalls die Medaillenvergabe kritisierte und die Sprünge, insbesondere die Vierfachen, zum Kernelement des (Herren)Eiskunstlaufens erklärte. Durch den Vierfachen würden sich „men from boys“ unterscheiden. Stojkos Einstellung dürfte nicht überraschen, schließlich waren seine Stärke seinerzeit, wen wundert’s, die Sprünge und sein Nickname „Elvis, the king of jumps“. Er war der erste Mann, der einen Vierfachsprung in Kombination im Wettkampf stand.

Auch die Arroganz geht mir gegen den Strich, mit der Plushenko den Titel für sich behauptet. Er kennt das Neue Wertungssystem nicht erst seit gestern und ist schon früher nach diesem Reglement gestartet. Statt an läuferischen Passagen, Schritten, Pirouetten zu üben, zog er es vor, sich auf die Vierfachen zu konzentrieren. Das kann er herzlich gerne tun, nur darf er sich hinterher nicht beschweren, wenn die zum Sieg nicht ausreichen und verlangen, für die Vierfachen müsste es mehr Punkte geben. Wieviel ein Vierfach-Toeloop wert ist, wusste er schließlich auch nicht erst seit gestern. Schließlich könnte ja jeder Läufer kommen und fordern, das Wertungssystem solle die Elemente stärker gewichten, in denen seine persönlichen Stärken liegen.

Evan Lysacek reagierte auf die Attacken zum Glück ruhig und äußerst sportlich. Und sein Trainer Frank Carroll hat meiner Meinung nach die Tatsachen auf den Punkt gebracht: „It’s not figure jumping, it’s figure skating“. Wer über das Ganze einmal lachen will, schaue sich diese Karrikatur an. Für Elvis Stojko, schon seit längerem Kritiker des Neuen Wertungssystems, war die Herren-Entscheidung „The night they killed figure skating“. Er will künftig kein Eiskunstlaufen mehr anschauen, sondern Ice Hockey, “ a real sport“. Ein echter Sport für echte Männer, nicht wahr?

Folgt man übrigens der Logik eines Plushenko und Stojko, steht die Siegerin im Dameneiskunstlaufen schon fest: Keine andere als Mao Asada dürfte den Titel bekommen, denn sie zeigt als einzige Frau den Dreifachaxel, in der Kür gleich zweimal. Erstaunlich, dass es hier gar keine Diskussionen gibt… Am Ende sind gar nicht die Vierfachen das Problem, sondern die echten Männer…

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