Zwei Kufen und vier Kanten

Als ich anfing, einfache Kunstlaufschritte zu üben, war mir vieles schleierhaft. Dass man sich irgendwie auch rückwärts auf den Schlittschuhen bewegen konnte, spürte ich noch gerade so. Das Übersetzen fühlte sich eher wie ein hölzernes Staken an als wie eine harmonische Kombination aus Abstoß und Gleiten, doch auch das schien mir mit einigem Üben eben noch machbar. Aber wie wechselte man elegant von vorwärts nach rückwärts? Wie sollte es physisch möglich sein, auf einem Bein zu fahren und dabei ständig die Richtung zu wechseln, ohne zu springen? (Später erfuhr ich, dass dieser Schritt Gegendreier heißt und dass er physisch sehr wohl möglich ist.)

An die Kanten habe ich damals kaum einen Gedanken verschwendet. Klar, ich konnte linksherum einen Bogen fahren und rechtsherum. Aber dass ich dabei die beiden Kanten der Kufe benutzte, war mir nicht wirklich bewusst. Erst nach und nach ging mir auf, welche Rolle die Kanten beim Eiskunstlaufen spielen: eine tragende Hauptrolle, und zwar nicht nur im Wortsinn.

Ein Schlittschuh und zwei Kanten

Ein Schlittschuh und zwei Kanten

Eiskunstläufer laufen nämlich erstens niemals auf zwei Füßen und zweitens niemals geradeaus (Ausnahmen bestätigen die Regel). Statt Kringelkratzer – O-Ton der örtlichen Eishockeyspieler –  sollte man sie vielmehr Bogenläufer nennen. Um einen einfachen Bogen zu laufen, gibt es exakt acht Möglichkeiten, denn zur Verfügung stehen zwei Füße, zwei Laufrichtungen und unter jedem Fuß zwei Kanten, die Einwärts- und die Auswärtskante, die durch den Hohlschliff der Kunstlaufkufe zustande kommen. Hinter der Bezeichnung einwärts und auswärts verbirgt sich nichts anderes als die Innen- und die Außenkante des jeweiligen Fußes. Ich kann also auf meinem linken wie auf meinem rechten Fuß vorwärts einwärts, vorwärts auswärts, rückwärts einwärts und rückwärts auswärts fahren.

Zu den ersten Schritten auf dem Eis gehört es, Sicherheit auf allen Kanten zu erlangen. Wie man dabei den übrigen Körper hält (Spielbein, Hüfte, Schultern, Arme), lässt man sich am besten in natura von einem Trainer oder einem erfahrenen Läufer zeigen. Wenn man das Spiel beherrscht, kann man auf den Kanten Kreise laufen. Und wenn es schließlich gelingt, die Kreise durch Fußwechsel, Drehungen oder Kantenwechsel zu Halbkreisen, Achten und anderen vom Kreis hergeleiteten Figuren zu verbinden, dann hat man nicht nur das kleine, sondern auch das große Einmaleins des Kunstlaufens intus und kann sich an Bruchrechnung, Integrale und andere schöne Dinge machen, um die Kreisverbindungen so kompliziert wie möglich zu gestalten.

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Eingeordnet unter Eiskunstlauf, Eislaufschule

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